Warum kommen im Yin Yoga plötzlich Gefühle hoch? Und warum sie nicht in deiner Hüfte gespeichert sind
Du liegst still, und plötzlich läuft es dir übers Gesicht — und keiner weiß, warum. Was wirklich dahintersteckt, warum deine Hüfte keine Emotionen speichert, und woran du merkst, wann es kein Yogathema mehr ist.
31. August 2026 · 18 Minuten Lesezeit

Es gibt in fast jedem Kurs diesen einen Moment, meistens irgendwo in der zweiten Hälfte, wenn die Haltung schon eine Weile steht und im Raum nichts mehr passiert außer Atmen — und dann fängt jemand an zu weinen. Meistens leise, oft merkt die Person es selbst erst, wenn sie sich wieder aufsetzt und sich übers Gesicht wischt. Und hinterher kommt fast immer derselbe Satz, mal so, mal anders formuliert: Ich weiß gar nicht, wo das herkam, mir geht es doch gut.
Wenn du das kennst und dich seitdem fragst, ob mit dir irgendwas nicht stimmt — nein, tut es nicht. Gefühle im Yin Yoga sind so wenig ein Ausnahmefall, dass es mich nach all den Jahren nicht mehr überrascht, und die Erklärung dafür ist auch ziemlich unspektakulär. Sie klingt bloß anders als das, was du wahrscheinlich schon gelesen hast.
Was zu dieser Frage fast überall steht
Wenn ich mir angucke, was ich im deutschsprachigen Netz zu dieser Frage gefunden habe, läuft es meistens auf denselben Gedanken hinaus: In der Hüfte seien Emotionen gespeichert, das Gewebe halte fest, was du erlebt hast, und im Hüftöffner werde das dann freigegeben. Mal ist es der Psoas, der „Muskel der Seele“, mal sind es die Faszien, mal beides zusammen. Ich hab mir eine Handvoll dieser Texte angeschaut, und bei keinem davon stand eine Quelle dabei — jedenfalls hab ich keine gefunden.
Das ist für sich genommen noch kein Gegenargument. Es gibt genug Dinge, die längst funktionieren, bevor irgendwer sie untersucht hat, und ich bin wirklich der Letzte, der einer Erfahrung ihre Berechtigung abspricht, bloß weil noch keine Studie dazu existiert — wer heilt, hat recht, das ist mein Maßstab geblieben. Das ist allerdings eine Aussage über die Wirkung, und die Erklärung ist damit noch nicht mitgeliefert — hier werden diese beiden Dinge ziemlich oft in einen Topf geworfen. Wenn ein Bild einmal in der Welt ist, macht es ja auch was mit den Leuten, die es hören. Also lohnt es sich schon, einmal nachzulesen, was man über dieses Gewebe tatsächlich weiß.
Was Faszien wirklich tun
Stell dir zwei Menschen vor. Der eine ruft dich an und sagt dir, wie es ihm heute geht, ehrlich und ziemlich genau. Der andere führt seit Jahren ein Tagebuch über dich, das du irgendwann aufschlagen kannst. Beides ist wertvoll, und beide erzählen dir was über dich. Der eine tut es heute, der andere über die Jahre — und dein Bindegewebe gehört sehr deutlich zur ersten Sorte.
Die thorakolumbale Faszie im unteren Rücken ist eines der wenigen faszialen Gewebe, das gründlich auf seine Nervenversorgung hin untersucht wurde. Tesarz und Kollegen haben sie 2011 in Neuroscience beschrieben, hauptsächlich an Ratten, dazu in einer ausdrücklich vorläufigen und nicht ausgezählten Auswertung an menschlichen Gewebeproben. Ihr Befund: ein dicht innerviertes Gewebe voller freier Nervenendigungen, von denen ein Teil vermutlich Schmerzreize meldet. Ihr Fazit halten sie im Konjunktiv — die Faszie könne eine wichtige Rolle bei Rückenschmerzen spielen.
Siegfried Mense, einer der Autoren, hat 2019 in einem frei zugänglichen Originalartikel weitere Daten dazu vorgelegt. Dort steht die Zahl, die ich am spannendsten finde: Rund vierzig Prozent der Innervation dieser einen Faszie bestehen aus sympathischen Nervenfasern, also aus dem Teil des Nervensystems, der bei Druck und Stress aktiver wird. Zwei Einschränkungen gehören sofort dazu, sonst wird die Zahl größer, als sie ist. Sie ist überschlägig ausgezählt und stammt überwiegend von der Ratte. Und Mense selbst hält die meisten dieser Fasern für Gefäßnerven, die in erster Linie die Durchblutung regeln. Seine Folgerung formuliert er entsprechend vorsichtig: Die dichte sympathische Versorgung könne erklären, warum viele Menschen mit Rückenschmerzen unter Stress mehr Schmerzen berichten.
Dieses Gewebe steht mit deinem Stresssystem also in dauerndem Kontakt und meldet laufend, wie es ihm geht. Es ist ein Sinnesgewebe, es erzählt dir vom Heute. Für das Tagebuch über die Jahre hab ich in der Literatur nichts gefunden.
Und die Frage nach dem Gedächtnis? Die wurde tatsächlich in einer Fachzeitschrift gestellt, 2014, von Paolo Tozzi im Journal of Bodywork and Movement Therapies, unter dem Titel „Does fascia hold memories?“ Das ist allerdings ein Editorial. Schon das Abstract steht fast durchgehend im Konjunktiv — Gewebe könnte eine Art Gedächtnis besitzen, Erfahrungen von Körpertherapeuten könnten als Freisetzung von Erinnerungsspuren gedeutet werden —, und am Ende stehen zwei offene Fragen. Jemand hat die Frage also seriös aufgeschrieben und damit einen Forschungsauftrag formuliert. Beantwortet ist sie bis heute nicht.
Die Erklärung, die ich für tragfähiger halte
Sie hat drei Teile, und keiner davon braucht ein Gewebe, das Erinnerungen aufbewahrt.
Erstens: Die Ablenkung fällt weg
Du kennst das vielleicht von einer langen Zugfahrt, bei der irgendwann der Akku leer ist und das Buch ausgelesen — und plötzlich ist da dieser Gedanke, den du seit Wochen erfolgreich vor dir hergeschoben hast. Der Gedanke war die ganze Zeit da, der Zug hat ihn bloß freigelegt, weil vorher immer irgendwas dazwischen gepasst hat.
Genau das baust du im Yin Yoga absichtlich. Drei bis fünf Minuten in einer Haltung, in der du nichts leistest, nichts erreichst, nichts kontrollierst, und in der es auch nichts zu schauen gibt außer dir selbst. Die Aufmerksamkeit hat schlicht keine andere Adresse mehr.
Norman Farb und Kolleg:innen haben 2015 in Frontiers in Psychology zusammengetragen, was die Forschung zur Innenwahrnehmung — der Interozeption — bei kontemplativen Übungswegen hergibt. Ein Satz daraus geht mir bis heute nach: Über die Aufmerksamkeit für eine unbearbeitete emotionale oder körperliche Empfindung könne ein Mensch ein erhebliches Maß an Anspannung oder psychischer Belastung entdecken, das ihm vorher gar nicht bewusst war. Nicht neu entstanden. Entdeckt.
Zweitens: Wegdrücken löscht nichts
Im Büro, am Küchentisch, im Elterngespräch, in der Bahn — die meisten von uns halten den ganzen Tag über ziemlich viel ruhig, und das ist auch völlig in Ordnung so. Ich will keinen Menschen auf einer Vorstandssitzung heulen sehen, und ich glaub auch nicht, dass das irgendwem hilft. Die Frage ist bloß, was mit dem Gefühl passiert, während das Gesicht ruhig bleibt.
James Gross und Robert Levenson haben in den Neunzigern eine Reihe von Experimenten gemacht, die inzwischen zu den meistzitierten der Emotionsforschung gehören. Menschen bekamen im Labor Filme zu sehen und sollten dabei ihren Gefühlsausdruck unterdrücken. Das Ergebnis von 1993: Der Ausdruck ging zurück, das Erleben blieb unverändert, und der Körper zeigte ein gemischtes Bild — die Herzrate sank, andere Marker für sympathische Aktivierung stiegen. In einer Arbeit von 1998 hat Gross das noch schärfer gefasst und zwei Strategien verglichen: Eine gedankliche Neubewertung senkte das Ekelerleben tatsächlich. Das Unterdrücken des Ausdrucks glättete zwar ebenfalls die Miene, ließ das Erleben aber unberührt und erhöhte stattdessen die sympathische Aktivierung.
Das waren Filmclips im Labor, über Minuten, an Studierenden. Diese Studien belegen überhaupt nicht, dass jahrelanges Wegdrücken sich irgendwo im Körper ablagert, und schon gar nicht in einer bestimmten Faszie. Der Bogen von dort zu deiner Yogamatte ist eine Analogie, die ich für plausibel halte, und mehr behaupte ich damit auch nicht. Was die Experimente hergeben, ist bescheidener und trotzdem brauchbar: Das Gesicht ruhig zu halten kostet was, und das Gefühl verschwindet dadurch nicht.
Drittens: Dein System macht das nur, wenn es sicher ist
Gefühle kommen im Yin Yoga nicht hoch, weil du dich in einer Haltung aufgehebelt hast. Sie kommen hoch, weil dein Nervensystem irgendwann zu dem Schluss kommt, dass hier gerade nichts passieren kann.
Stephen Porges nennt das die permanente, unbewusste Einschätzung von Sicherheit und Gefahr. Marianne Bentzen, deren Buch Neuroaffektive Meditation ich seit einer ganzen Weile eher lebe als lese, arbeitet mit genau dieser Reihenfolge: Erst kommt die Regulation, dann kommt das, was sich zeigen darf. Das ist übrigens ein Modell, mit dem ich arbeite, und an der Polyvagal-Theorie gibt es in der Fachwelt ernsthafte Kritik. In meinem Artikel über Yin Yoga vor dem Schlafen hab ich schon einmal eine Vagus-Erklärung zurückgenommen, die ich jahrelang für gesichert gehalten hatte.
Die Reihenfolge selbst erlebe ich aber Woche für Woche. Solange jemand unruhig ist, zappelt, sich immer wieder neu sortiert, kommt meistens gar nichts — dazu hab ich einen eigenen Artikel geschrieben, weil diese Unruhe so oft für Unfähigkeit gehalten wird. Und wenn dann irgendwann die Stille von selber eintritt, weil der Körper Lust drauf bekommen hat, dann ist manchmal Platz für was, das vorher keinen hatte.
Deswegen sind die Tränen auf der Matte für mich ein ziemlich gutes Zeichen dafür, dass du dich im Raum sicher genug gefühlt hast — solange du danach wieder runterkommst. Wenn nicht, wird es ein anderes Thema, und darüber schreibe ich gleich noch.
Warum bei mir jahrelang gar nichts kam
Ich bin bei einer Mutter aufgewachsen, die narzisstisch war, und einem Vater, der das mitgetragen hat, und in so einem Haushalt lernst du sehr früh und sehr gut, den Raum zu lesen, immer zuerst den Raum. Du guckst, welche Stimmung heute herrscht, du guckst, was gleich passieren könnte, und dein eigenes Gefühl ist dabei ungefähr das Unwichtigste, was zur Verfügung steht. Ich war also immer auf Alarm getrimmt, lange bevor mir das irgendjemand hätte erklären können.
Als ich mit Yoga angefangen habe, ist deswegen erst mal überhaupt nichts passiert. Ich hab jahrelang schön geübt, brav gelegen, ordentlich geatmet und mich in den Entspannungsteilen hauptsächlich damit beschäftigt, ob ich es richtig mache. Der Körper hat dichtgehalten, und rückblickend hatte er dafür jeden Grund — er hatte diesen Raum ja noch nie kennengelernt.
Es hat wirklich lange gedauert, bis das anders wurde, und es kam auch nicht in einem großen Moment, sondern scheibchenweise über Jahre. In Kursen treffe ich manchmal Leute, die enttäuscht sind, dass bei ihnen nichts hochkommt, während neben ihnen jemand weint. Als hätten sie eine Prüfung nicht bestanden. Das ist eine Frage der Zeit und der Vorgeschichte, und ein System, das dichthält, ist kein kaputtes System. Es ist eins, das bisher gute Gründe hatte.
Und warum dann ausgerechnet die Hüfte?
Weil da mehrere Dinge zusammenkommen, für die ich keine Emotionen im Gewebe brauche.
Die Hüfthaltungen sind im Yin Yoga meistens die längsten und die intensivsten, und du liegst darin in einer Position, die im Alltag praktisch nie vorkommt. Es ist außerdem eine große Gegend mit viel Empfindung, in der einiges spürbar wird, sobald du einmal genauer hinschaust. Dazu kommt die Beweglichkeit selbst, die bei den meisten Menschen an der Hüfte am ehesten an eine Grenze stößt, und die liegt oft im Knochenbau — worüber ich in Warum kann ich nicht im Schneidersitz sitzen? ausführlich geschrieben habe. Das allein ist für manche schon ein emotionales Thema.
Und dann ist da noch die Erwartung. Wenn du zwanzigmal gehört hast, dass in der Hüfte die Gefühle sitzen, dann bist du in der Taube eben aufmerksamer als in der Vorbeuge. Einen Beleg für eine Sonderrolle der Hüfte hab ich nicht gefunden, einen dagegen allerdings auch nicht, und ich kenne Menschen, bei denen es zuverlässig in den Hüften passiert. Bei mir im Raum passiert es genauso oft in der Rückbeuge, und einmal ist eine Frau in der Schmetterlingshaltung in einen Lachanfall geraten, aus dem sie eine ganze Weile nicht mehr rauskam.
Was du machen darfst, wenn es dich erwischt
Das sind halt Angebote aus meinen Stunden, jedes davon freiwillig.
- Du darfst liegen bleiben. Wenn es sich aushalten lässt, muss gar nichts passieren. Weinen ist ein körperlicher Vorgang und darf einfach stattfinden.
- Du darfst rausgehen aus der Haltung. Sofort, ohne Erklärung, ohne mich zu fragen. Es gibt keinen Preis für Durchhalten.
- Du darfst dich zusammenrollen, auf die Seite drehen, die Beine anziehen. Der Körper weiß meistens ganz gut, was er in dem Moment möchte.
- Du darfst die Augen aufmachen. Für viele wird es sofort ruhiger, wenn sie den Raum wieder sehen, die Decke, das Fenster, die Person nebenan.
- Und du darfst danach was sagen — oder eben nicht. Ich frage niemanden, was hochgekommen ist. Wenn jemand erzählen will, hör ich zu, und wenn nicht, ist es genauso gut.
Was ich dir nicht anbieten würde: absichtlich tiefer gehen, weil du hoffst, dass dann noch mehr kommt. Das ist die Stelle, an der aus einer Yogastunde etwas wird, das sie nicht sein sollte, und es funktioniert nach meiner Erfahrung sowieso nicht. Sicherheit lässt sich schlecht erzwingen.
Wie oft kommt das eigentlich vor?
Ehrliche Antwort: Ich weiß es nicht, und ich hab auch niemanden gefunden, der es wüsste. Ich hab in den einschlägigen Datenbanken suchen lassen und keine einzige Studie gefunden, die emotionale Reaktionen im Yoga oder Yin Yoga systematisch untersucht hätte. Für „emotional release“ in der Körperarbeit sieht es kaum besser aus — dort gibt es Fallberichte, eine qualitative Interviewstudie zu einem ganz anderen Verfahren und viel Erfahrungsliteratur, aber keine kontrollierte Untersuchung, auf die ich gestoßen wäre.
Was es gibt, kommt aus der Meditationsforschung. Jared Lindahl und Willoughby Britton haben 2017 in PLOS ONE sechzig erfahrene Praktizierende und zweiunddreißig Fachleute interviewt und daraus eine Systematik von neunundfünfzig meditationsbezogenen Erfahrungen in sieben Bereichen erstellt. Darin gibt es eine eigene Kategorie „Weinen, Lachen“ — das hat mich beim Lesen gefreut. Die am häufigsten berichtete Kategorie über alle Bereiche hinweg war Angst, Furcht, Panik oder Paranoia, genannt von 82 Prozent der Praktizierenden; das Wiedererleben belastender Erinnerungen berichteten 43 Prozent.
Diese Zahlen muss man richtig lesen, sonst erschrecken sie grundlos. Die Studie hat gezielt Menschen gesucht, die schwierige Erfahrungen gemacht hatten — die Autoren nennen das deviant case sampling, also eine bewusste Auswahl an den Rändern der Verteilung, und sie schreiben selber, die Häufigkeiten seien ein Artefakt dieser Auswahl. Die Prozentzahlen sagen also etwas über diese eine Gruppe, und über alle Übenden sagen sie nichts. Eine neuere Übersicht von Matko und Van Dam nennt für unerwünschte Wirkungen von Meditation Spannen von 25 bis 87 Prozent, je nach Studie und Definition, bei 3 bis 37 Prozent mit tatsächlicher Beeinträchtigung — und räumt gleichzeitig ein, dass die Ursächlichkeit unklar bleibt.
Für mich heißt das zweierlei. Stilles Üben nach innen kann emotionale Reaktionen auslösen, das ist gut dokumentiert und nichts Exotisches. Und es ist auch kein Grund, aufzuhören.
Wann es kein Yogathema mehr ist
Hier hört mein Zuständigkeitsbereich auf.
Wenn du nach einer Stunde nicht wieder runterkommst, wenn dich Bilder verfolgen, die du nicht einordnen kannst, wenn dir schwindelig wird oder du dich wie neben dir selbst fühlst — dann gehört das ärztlich oder psychotherapeutisch abgeklärt. Und zwar auch dann, wenn dir das Üben sonst gut tut. Erst recht, wenn dasselbe immer wieder passiert und jedes Mal schwerer wird. Ich bin Yogalehrer, und ein Kursraum ist kein Behandlungszimmer.
Dass Yoga in so einem Zusammenhang trotzdem etwas beitragen kann, ist übrigens gut untersucht. Bessel van der Kolk und Kollegen haben 2014 im Journal of Clinical Psychiatry eine randomisierte Studie mit vierundsechzig Frauen veröffentlicht, die an einer chronischen, therapieresistenten Posttraumatischen Belastungsstörung litten. Nach zehn Wochen traumainformiertem Yoga erfüllten 52 Prozent der Yogagruppe die Kriterien für eine PTBS nicht mehr, gegenüber 21 Prozent in der Vergleichsgruppe. Beeindruckend — und zugleich der beste Beleg dafür, warum ein normaler Abendkurs etwas anderes ist. Das Yoga war dort ausdrücklich als Ergänzung angelegt, die Vergleichsgruppe bekam ein eigenes aktives Angebot, und die Lehrenden waren traumainformiert ausgebildet.
Farb und Kolleg:innen haben in ihrer Übersicht auch den umgekehrten Fall benannt: Ohne einen Rahmen, in dem sich schwierige Empfindungen annehmen lassen, könne es sogar neuen Schaden anrichten, den Zugang zur Innenwahrnehmung wieder aufzumachen. Mehr hinspüren ist eben nicht in jeder Lebenslage besser.
Was Yin Yoga bei Gefühlen kann — und was die Zahlen wirklich hergeben
Du kennst das vielleicht von einem Abend, an dem du nach einer richtig guten Stunde ruhig nach Hause gehst und am nächsten Morgen trotzdem wieder derselbe Mensch bist wie immer. Um genau diesen Unterschied geht es in der neuesten Untersuchung speziell zu Yin Yoga.
Kristīne Somere und Kolleg:innen haben 2024 in Frontiers in Psychiatry achtundvierzig Frauen in Lettland untersucht. Achtunddreißig davon übten zehn Wochen lang einmal wöchentlich zwei Stunden Yin Yoga über Zoom, zehn bildeten die Kontrollgruppe. Die momentane Ängstlichkeit sank nach jeder Stunde und lag am Ende deutlich unter der Kontrollgruppe. Bei der überdauernden Ängstlichkeit, also der als Persönlichkeitsmerkmal, ging es innerhalb der Yogagruppe ebenfalls runter, im Vergleich zwischen den Gruppen war der Unterschied am Ende aber nicht mehr da.
Das passt ziemlich genau zu dem, was ich in Wie oft Yin Yoga pro Woche? über die Zeitskalen geschrieben habe: Der Zustand antwortet schnell, das Grundmuster braucht lange. Die Studie ist klein und sie lief online. In der Kontrollgruppe saßen nur zehn Menschen, die gar kein eigenes Angebot bekamen, und es waren durchgehend Frauen — die Autor:innen sagen selbst, dass sich daraus wenig verallgemeinern lässt. Ich nenn sie trotzdem, weil sie das ist, was es gibt, und weil ich eine kleine Studie mit Namen zitiere und keine große Behauptung ohne.
Häufige Fragen
Ist Weinen im Yin Yoga ein Zeichen dafür, dass sich ein Trauma löst?
Das kann ich nicht wissen, und niemand, der dich nicht kennt, kann das. Weinen ist zunächst einmal ein körperlicher Vorgang, den es in ganz vielen Zusammenhängen gibt. Die Forschung dazu ist übrigens interessanter, als man denkt: Gračanin, Bylsma und Vingerhoets haben 2014 die Befundlage gesichtet, und im Labor geht es Menschen unmittelbar nach dem Weinen ziemlich zuverlässig schlechter. Daraus argumentieren sie, dass die stimmungsverbessernde Wirkung wohl einige Minuten braucht, um sich zu entfalten — bewiesen ist das nicht, ihr Aufsatz ist ausdrücklich als Hypothesenarbeit gekennzeichnet. Wenn du nach der Stunde erst mal durch bist und eine halbe Stunde später ruhig, wäre das jedenfalls kein ungewöhnlicher Verlauf.
Kann ich verhindern, dass es passiert?
Prinzipiell ja, indem du kürzer hältst, die Augen offen lässt und dir Musik dazustellst, dann bleibt weniger Raum, in den überhaupt was reinkommen kann. Ich würde aber erst mal fragen, ob du das wirklich willst, oder ob dir irgendwann jemand beigebracht hat, dass so was in einem Raum mit anderen Menschen nichts zu suchen hat.
Muss ich meinem Lehrer sagen, was los war?
Nein. Ich frage in meinen Stunden niemanden danach. Was mir hilft, ist ein kurzes Zeichen, ob du gerade in Ordnung bist oder ob du was brauchst — der Rest gehört dir.
Sind bestimmte Haltungen dafür zuständig?
Für eine Sonderrolle der Hüfte hab ich keinen Beleg gefunden, weder dafür noch dagegen. Bei mir im Raum passiert es überall, und ich würde am ehesten auf die Haltezeit tippen.
Passiert das im Yang-Yoga nicht?
Doch, auch. Nur ist da mehr los, und wo mehr los ist, fällt weniger auf. Das ist ja gerade der Punkt beim langen Halten: Die Beschäftigung fällt weg.
Zum Schluss
Ich glaub, das Bild von den gespeicherten Emotionen ist deshalb so beliebt, weil es tröstlich ist — es macht aus einem verwirrenden Moment eine Geschichte mit Anfang und Ende, und die Hüfte ist ein Ort, den man anfassen kann. Ich versteh das gut. Nur finde ich die andere Erklärung ehrlich gesagt schöner, und sie kommt ohne den heimlichen Tagebuchschreiber in deiner Hüfte aus. Du hast dir eine ganze Weile lang keine Ablenkung erlaubt, dein System hat gemerkt, dass hier gerade nichts zu befürchten ist. Und dann ist was aufgetaucht, das die ganze Zeit da war und nur selten an die Reihe kam.
Das ist kein Zusammenbruch. Das ist ziemlich genau das, wofür man sich hinlegt.
Wenn du das mal in einem Raum ausprobieren willst, in dem klar ist, dass nichts passieren muss: Mein Abendkurs in Hamburg-Barmbek-Süd läuft über acht Termine, dienstags abends, mit höchstens fünfzehn Menschen. Weil er als Präventionskurs zertifiziert ist, beteiligen sich die gesetzlichen Kassen in der Regel daran — wie das genau läuft und warum privat Versicherte da meistens leer ausgehen, hab ich in Wird Yin Yoga von der Krankenkasse bezahlt? aufgeschrieben.
Und wenn du Fragen hast, frag mich bitte gerne immer. Ich freu mich zu hören, wie es dir erging.
Ein lieber Gruß,
Jan
Quellen
- Tesarz, J., Hoheisel, U., Wiedenhöfer, B., Mense, S. (2011): Sensory innervation of the thoracolumbar fascia in rats and humans. Neuroscience 194, 302–308. doi.org/10.1016/j.neuroscience.2011.07.066
- Mense, S. (2019): Innervation of the thoracolumbar fascia. European Journal of Translational Myology 29(3):8297. doi.org/10.4081/ejtm.2019.8297
- Tozzi, P. (2014): Does fascia hold memories? Journal of Bodywork and Movement Therapies 18(2), 259–265 (Editorial). doi.org/10.1016/j.jbmt.2013.11.010
- Farb, N. et al. (2015): Interoception, contemplative practice, and health. Frontiers in Psychology 6:763. doi.org/10.3389/fpsyg.2015.00763
- Gross, J. J., Levenson, R. W. (1993): Emotional suppression: physiology, self-report, and expressive behavior. Journal of Personality and Social Psychology 64(6), 970–986. doi.org/10.1037/0022-3514.64.6.970
- Gross, J. J. (1998): Antecedent- and response-focused emotion regulation: divergent consequences for experience, expression, and physiology. JPSP 74(1), 224–237. doi.org/10.1037/0022-3514.74.1.224
- Lindahl, J. R. et al. (2017): The varieties of contemplative experience. PLOS ONE 12(5):e0176239. doi.org/10.1371/journal.pone.0176239
- Matko, K., Van Dam, N. T. (2026): Beyond serenity: Adverse effects of meditation and mindfulness in clinical practice. Current Opinion in Psychology 67:102197. doi.org/10.1016/j.copsyc.2025.102197
- van der Kolk, B. A. et al. (2014): Yoga as an adjunctive treatment for posttraumatic stress disorder: a randomized controlled trial. Journal of Clinical Psychiatry 75(6), e559–e565. doi.org/10.4088/JCP.13m08561
- Somere, K. et al. (2024): The effect of yin yoga intervention on state and trait anxiety during the COVID-19 pandemic. Frontiers in Psychiatry 15:1345455. doi.org/10.3389/fpsyt.2024.1345455
- Gračanin, A., Bylsma, L. M., Vingerhoets, A. J. J. M. (2014): Is crying a self-soothing behavior? Frontiers in Psychology 5:502. doi.org/10.3389/fpsyg.2014.00502
Jan Wolk
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